Steigende Stahlpreise – so sichern Sie Ihr Unternehmen ab

Stahl – ein volatiler Rohstoff

Jedes Unternehmen, das Stahl in größeren Mengen verarbeitet, ist der Entwicklung des Stahlpreises ausgeliefert. Das betrifft in großem Maße die Bauindustrie, aber auch viele Industrieunternehmen sowie deren Zulieferer. Eine langfristige Prognose des Stahlpreises ist nicht möglich, denn auch die Stahlproduzenten sind wiederum von volatilen Rohmaterialen abhängig und gehen keine langen Lieferverpflichtungen ein. Die aktuelle Verknappung des Lieferangebots und die dadurch steigenden Stahlpreise im Zuge der Corona-Pandemie stellen viele stahlverarbeitende Betriebe vor große Probleme. Auch in der Vergangenheit, etwa im Jahr 2008, gab es bereits ähnliche Preisspitzen.

Unternehmen können sich aber auf verschiedene Arten davor schützen, das Risiko eines Anstiegs der Stahlpreise tragen zu müssen. Beispielsweise mit einer Absicherung durch Vertragsklauseln oder durch entsprechende Finanzinstrumente.

Es gibt je nach Branche Unterschiede, die entweder für die eine oder die andere Option sprechen. Zu guter Letzt kann man auch durch intensive Angebotsvergleiche oder einen Lieferantenwechsel Einsparungen erzielen, um steigende Rohstoffpreise abzufedern.

Preisgleitklauseln – die Entwicklung des Stahlpreises im Vertrag berücksichtigen

Kommentar von Dr. Peter Hammacher, Rechtsanwalt – Mediation – Schiedsverfahren in Heidelberg

Preisgleitklauseln sind geeignet, Risiken aus schwankenden Rohstoffpreisen am Weltmarkt wenigstens teilweise auszugleichen. Die Vertragsparteien vereinbaren, aus festen Einheits- oder Pauschalpreisen, flexible Preise zu machen, in Abhängigkeit von der Preisentwicklung der Vorprodukte.

Beide Seiten können daran ein Interesse haben: der Lieferant wird von dem Risiko steigender Preise entlastet und sichert seine Margen. Er muss keine Risikozuschläge für ungewisse Materialpreissteigerungen einkalkulieren. Das wiederum verbilligt die Angebotssumme und kommt dem Auftraggeber zugute. Steigen die Preise, wird der Auftraggeber allerdings an den Mehrkosten beteiligt. Bei fallenden Preisen gilt umgekehrt Entsprechendes.

Preisgleitklauseln sind, jedenfalls in Deutschland, gesetzlich nicht geregelt. Sie müssen zwischen den Parteien vereinbart werden. Ihre Ausgestaltung ist – im Rahmen von Treu und Glauben – den Parteien überlassen.

Die Preisgleitklauseln werden meist als mathematische Formel ausgedrückt, bei der Werte zum Zeitpunkt der Vertragsanbahnung (z.B. Aufforderung zur Angebotsabgabe, Einreichung eines Angebots) oder Vertragsschluss (z.B. Vertragsunterzeichnung oder Zuschlag) mit einem Zeitpunkt der Vertragsausführung (z.B. Bestellung, Lieferung auf die Baustelle, Abnahme) ins Verhältnis gesetzt wird.

Wird ein vereinbarter Toleranzrahmen überschritten, wird der Preis angepasst. Je näher die Messpunkte am tatsächlichen Geschehen liegen, desto echter bildet die Klausel die Mehrkosten durch Preisänderung ab. So ist das Verhältnis „Kalkulation des Angebotes/Zahlung der Rechnung des Materiallieferanten“ realer als die „(möglicherweise verzögerte) Auftragsvergabe/Abnahme der Bauleistung“.

Ob und in welchem Umfang Preise gestiegen sind, ist ebenfalls eine Frage der Betrachtung, denn es gibt keinen weltweit einheitlichen Standard zur Bemessung von Preisschwankungen. Die Vertragsparteien müssen deshalb entweder eine eigene Regelung treffen (z.B. der Durchschnitt von drei Preisangeboten) oder sich auf die Ermittlungen Dritter (z.B. eine Rohstoffbörse, Wirtschaftsverbände, Statistikämter) verständigen.

In Deutschland wird bei öffentlichen Aufträgen auf die Formeln der Vergabehandbuchs zurückgegriffen (Hierzu Hammacher, Rasante Erhöhung der Stahlpreise – Hilfe durch Stoffpreisgleitklausel? Bauwirtschaft -1/2021, S.8, hier kostenlos abrufbar). Dies gilt nach Auskunft des Deutschen Stahlbauverbandes/bauforum Stahl auch für die Stahlbaubranche. Schwieriger ist die Einschätzung für den Maschinen- und Anlagenbau. Der VDMA e.V. (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau Unternehmen Anm.) gibt hierzu keine Empfehlungen oder Auskünfte mehr, sondern berät seine Mitglieder individuell.

Wie immer ist es eine Frage des fairen Umgangs der Vertragspartner miteinander, des Verhandlungsgeschicks und/oder der Marktmacht, ob man sich auf eine angemessene Verteilung der Risiken verständigen kann. Dazu sollte man die Rechtslage und die Optionen sorgfältig prüfen. Ohne vertragliche Regelung bleibt es bei den gesetzlichen Grenzen, insbesondere § 313 BGB „Änderung der Geschäftsgrundlage“. Die Anforderungen haben der deutsche Gesetzgeber und ihm folgend viele Gerichte jedoch hoch angesetzt.

Über den Gastautor Dr. Peter Hammacher

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Dr. Peter Hammacher ist Rechtsanwalt mit mehr als 30 Jahren Berufserfahrung, insbesondere im Anlagenbau und Stahlbau, in Beratung, Vertretung, Schiedsverfahren, Mediation und Seminaren.

Zu seinen Publikationen zählt auch das “Handbuch der Auftragsabwicklung“ mit Musterbriefen das sich schwerpunktmäßig an Projektleiter im Stahl- und Anlagenbau richtet.

Geeignete Indizes für Preisgleitklauseln

Wie im obenstehenden Kommentar von Dr. Hammacher zu lesen, ist bei der Anwendung von Preisgleitklauseln vorrangig zu klären, auf welchen Index sich diese bezieht. Hier eine Auswahl:

Großhandelspreisindex Eisen und Stahl der Statistik Austria

Die Statistik Austria ermittelt in Monatsabständen aktuelle Großhandelspreise und erstellt daraus einen Großhandelspreisindex für Eisen und Stahl. Als Ausgangswerte dienen ca. 1.400 Großhandelspreise, die von rund 220 Großhandelsunternehmen freiwillig zur Verfügung gestellt werden.

Zusätzlich erstellt die Statistik Austria auch einen detaillierten Index, in dem verschiedene Produktarten wie Bleche, Profile oder Betonstahl separat gelistet sind.

Der Großhandelspreisindex für Eisen und Stahl findet in Österreich im Rahmen der Önorm B2111 „Umrechnung veränderlicher Preise von Bauleistungen“ Anwendung. Die Önorm B2111 enthält detaillierte Angaben zur Berechnung veränderlicher Preise im Bauwesen. Zur einfacheren Umrechnung gibt es von der Wirtschaftskammer Österreich auch ein Umrechnungstool unter https://www.preisumrechnung.at/.

Stahlpreisindex des statistischen Bundesamts (Deutschland)

In ähnlicher Form wird der Stahlpreisindex des deutschen Bundesamts für Statistik erstellt. Auch dieser enthält neben dem übergeordneten Index auch detaillierte Angaben zu verschiedenen Produktkategorien. Hier finden Sie eine besonders übersichtliche Darstellung des Stahlpreisindex.

Ausführliche Erklärungen und Beispiele zur Anwendung einer Preisgleitklausel anhand des Vergabe- und Vertragshandbuchs des Bundes finden Sie in Kapitel 2 und 3 dieses Artikels von Dr. Hammacher.

Rohstoffbörsen

In einigen Fällen, beispielsweise bei Rahmenverträgen im Maschinenbau, sind die oben genannten Indizes nicht ausreichend aktuell. Gerade in der derzeit hochvolatilen Phase werden deshalb Angebote mit extrem kurzer Angebotsgültigkeit von unter einer Woche erstellt. Um hier eine Preisgleitung praktikabel anwenden zu können, benötigt man einen tagesaktuellen Referenzwert. Ein solcher Wert könnte durch die Offenlegung der tatsächlichen Bezugskosten ermittelt werden. Diese Methode ist aber nicht immer vollständig transparent und setzt einiges an Vertrauen der Vertragspartner voraus.

Eine andere tagesaktuelle Informationsquelle sind Rohstoffbörsen. Die Londoner Rohstoffbörse LME (London Metal Exchange) ist die weltweit bedeutendste Rohstoffbörse für Industriemetalle. An der LME werden folgende Stahlsorten gehandelt:

  • LME Steel Scrap (Schrott)
  • LME Steel Rebar (Betonstahl)
  • LME Steel HRC FOB China (China Warmband)
  • LME Steel HRC N. America Platts (US Warmband)

Ein schwerwiegender Nachteil dieser Indizes ist, dass sie zwar den allgemeinen Trend abbilden, aber nicht auf einzelne Produktgruppen reagieren. Gibt es beispielsweise eine Knappheit an warmgewalzten Profilen, wird sich die Kostensteigerung im Index nicht merklich zeigen.

Hedging – die Absicherung des Stahlpreises durch Finanzinstrumente

Auch abseits der Bauindustrie werden Rohstoffe, insbesondere Stahl, regelmäßig bezogen und weiterverarbeitet. Dies trifft vor allem auf großvolumige Serienfertigung zu. Hier ist es nicht möglich, den Einkaufspreis exakt dem verkauften Produkt zuzuordnen. Langfristige Lieferverträge erfordern zudem eine Preisstabilität, die bei der Rohmaterialbeschaffung nicht zu realisieren ist. Man benötigt daher eine generelle Absicherung gegen eine steigende Entwicklung des Stahlpreises.

Ein Mittel hierzu sind derivative Finanzinstrumente. Ziel ist es dabei, den eigenen Stahlbedarf gegen eine preisliche Veränderung zu schützen. Dies ist immer nur in einer bestimmten Menge zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich.

Weil es Stahl in verschiedenen Formen gibt, wurde er erst relativ spät als Basis für ein Derivat entdeckt. Heute kann man Kontrakte für unterschiedliche Stahlsorten wie Betonstahl, Walzdraht oder Warmband an verschiedenen internationalen Börsen abschließen.

Wie funktioniert das Hedging von Stahl?

Voraussetzung für die Absicherung per Derivat ist, dass man den eigenen Stahlbedarf in der Zukunft kennt. Nur dann kann man diese Stahlmenge absichern. Es ist natürlich auch möglich, nur einen Teil des Bedarfs zu decken und zumindest teilweise für Kostensicherheit zu sorgen. Wir betrachten das anhand eines kleinen Beispiels:

Firma Stahlbau GRÜN kauft jeden Monat 1000 Tonnen Stahl ein und verarbeitet diesen weiter. Mit den Kunden bestehen langfristige Lieferverträge mit fixierten Preisen. Das Unternehmen möchte sich gegen das Risiko einer ungünstigen Entwicklung des Stahlpreises in den nächsten 12 Monaten absichern. Hierzu erwirbt man ein Finanzinstrument, welches einem das Recht einräumt, die Menge von 1000 Tonnen Stahl in einem Jahr zu einem heute fixierten Preis zu erwerben.

Nachdem die 12 Monate abgelaufen sind, kauft Stahlbau GRÜN über ihren Lieferanten 1000 Tonnen Stahl zum aktuellen Marktpreis. Gleichzeitig wird das Finanzinstrument abgerechnet. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten.

    1. Der aktuelle Marktpreis ist höher als der fixierte Preis im Derivat, dann erhält Firma Stahlbau GRÜN eine Zahlung in Höhe der Differenz. Man hat zwar einen höheren Preis für den physischen Stahl gezahlt, bekommt dafür aber zur Kompensation der Kosten eine Zahlung aus dem Derivat.
    2. Sollte der Stahlpreis am Stichtag niedriger als vereinbart ausfallen, muss Stahlbau GRÜN den Differenzbetrag an den Emittenten des Finanzinstrumentes zahlen. Diese Kosten wurden aber Großteils beim Einkauf des physischen Stahls eingespart.

So kann man sich gegen steigende Kosten absichern und die Entwicklung des Stahlpreises stellt in der Kalkulation kein Risiko mehr dar. Hierfür wird aber eine Gebühr an den Emittenten des Finanzinstrumentes fällig. Je länger die Vorlaufzeit bis zum Stichtag ist, umso größer fällt diese aus.

Leider ist diese Form der Absicherung nur etwas für Firmen mit einem großen Stahlbedarf und entsprechendem Fachwissen zum Handel mit Finanzinstrumenten.

Risiken beim Hedging von Stahl

Voraussetzung für das Hedging ist eine Notierung des betreffenden Materials an einer Rohstoffbörse. Aus dem vorigen Kapitel ist ersichtlich, dass für Stahl nur wenige Sorten gehandelt werden. Dieser Aspekt birgt für KMU ein großes Risiko denn diese verarbeiten Bleche, Profile und Formrohre in unterschiedlichen Materialqualitäten, die nicht an der Börse gelistet sind. Zwar korrelieren die Rohstoffpreise, aber diese sind nur ein Teil des Marktpreises. Lokale Verknappung, etwa durch Produktionsengpässe oder Lieferschwierigkeiten werden dabei nicht berücksichtigt. Vereinfacht ausgedrückt, wenn ein Stahlbauer eine Konstruktion aus nahtlosen Rohren fertigen muss und diese gerade knapp und damit teuer sind, bedeutet das nicht, dass Hedging auf einen der oben genannten Werte eine Kompensation des Preisanstiegs bewirkt. Diese Art der Absicherung wäre somit spekulativ und damit ein zusätzliches Risiko. (Vgl. Beschaffung Aktuell)

Fazit: Die Absicherung gegen steigende Stahlpreise bleibt ein komplexes Thema

Je nachdem in welcher Branche Sie tätig sind und in welcher Position Ihr Unternehmen gegenüber Ihrem Kunden steht, können Sie eventuelle Preissteigerungen per Preisgleitklausel an Ihre Kunden weitergeben.

Für viele Unternehmen wird dies aber nicht möglich sein und auch der Einsatz von Finanzinstrumenten ist mit Risiken verbunden. Für viele Anwendungsfälle, vor allem im Maschinen- und Anlagenbau, fehlt zudem der passende Vergleichswert, womit eine vermeintliche Absicherung der Stahlpreisentwicklung schnell zum Spekulationsgeschäft wird.

Hier müssen Unternehmen auf Sicht agieren und darauf achten, keine zu langen Verpflichtungen einzugehen.

Alternative: Verlagerung zu günstigeren Lieferanten

Gerade in volatilen Phasen spielen auch Lagerbestände und unterschiedliche Bezugsquellen Ihrer Lieferanten eine bedeutende Rolle für die Kosten einer Stahlkonstruktion. Darum ist es umso wichtiger, alle verfügbaren Einkaufsquellen zu prüfen. Die Suche nach den richtigen Fertigungsbetrieben ist sehr zeitaufwendig und es gibt einige Stolpersteine, bis alles rund läuft. Hier können wir Ihnen helfen, Zeit und Kosten zu sparen.

Wir sind unabhängiger Vermittler für Halbfertigprodukte aus Metall und verbinden Lieferanten und Lohnfertiger mit Kunden aus Maschinen- und Anlagenbau sowie der Baubranche. Für den Käufer arbeiten wir unentgeltlich und unverbindlich. Bei allen von uns vermittelten Angeboten besteht keine Kaufpflicht.

Unser Netzwerk von Lohnfertigern und Lieferanten wächst kontinuierlich und mit vielen Partnern arbeiten wir schon länger zusammen. Wir betreuen Ihre Anfragen persönlich und koordinieren die Einholung und den Vergleich mehrerer Angebote von der ersten Anfrage über den Bemusterungsprozess bis hin zum bestellfertigen Angebot.

Wir helfen Ihnen dabei, verschiedene Angebote zu vergleichen und die passende Lösung zu finden. Profitieren Sie dabei von niedrigeren Lohn- und Fertigungskosten. Damit reduzieren Sie Ihre Einkaufskosten und können der Entwicklung des Stahlpreises ein Stück weit entgegenwirken.

Den Schwerpunkt unserer Vermittlertätigkeit bilden Stahlbau und Schweißkonstruktionen, sowie Dreh- und Frästeile und Blechbearbeitung.

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Über den Autor

  • Andreas Janisch

    Gründer - Warengruppen: Stahlbau, Dreh- und Frästeile, Blechbearbeitung

    Andreas Janisch, Gründer von Jactio.com, ist Wirtschaftsingenieur mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in Maschinenbau, Anlagenbau und im Bauwesen.

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